Die Heilung des Egos
„Wir wollen die zugrunde liegenden Erlebnisse heilen — nicht das Ego dressieren und herunterdrücken.“
Woher das Ego kommt
Ego entsteht aus Traumata. Wir sehen in dieser Religion auch die feinsten, subtilsten Versuche des Einzelnen — die er selbst und alle um ihn herum meistens gar nicht als solche erkennen —, sich wertvoll zu fühlen oder Schmerz zu vermeiden. All das erklären wir zu Ego.
Ego ist also nicht nur das Offensichtliche, wenn jemand sagt „Alles meins.“ Ego ist alles, was ein Mensch meistens unbewusst tut, um Schmerz zu vermeiden und gute Gefühle zu haben. Das kann sehr unterschiedlich aussehen: Der eine wird kriminell, trägt eine 100.000-Euro-Uhr und einen Goldzahn, und alle haben Angst — er hat sich Respekt verschafft. Es kann genauso die Suche nach Anerkennung, nach Liebe, nach „Ich bin etwas Besonderes“ sein. Für mich ist die Reaktion exakt identisch — auch wenn die eine Person als kriminell und böse eingestuft werden darf.
Es ist eine Frage von: Was hat die Person in der Kindheit erlebt? Was für ein Umfeld hatte sie? Was für einen Ausweg sieht sie überhaupt? Die Person ist austauschbar. Nimm irgendeinen Menschen, egal welcher Herkunft, packe ihn in ein Umfeld, wo er Rassismus erfährt, isoliert lebt, nicht integriert werden kann — und die Menschen um ihn herum finden stark, wer sich nichts sagen lässt. Garantiert entwickelt er sich genauso. Das hat mit Kultur nichts zu tun. Das hat mit der Situation zu tun, in der du aufwächst, und was mit dir passiert.
Ein reaktionäres Leben
All die Traumatisierungen — die Eltern haben Gewalt ausgeübt, waren zu kalt oder zu nah, die Nachbarn haben geschlagen, man wurde in der Schule gemobbt, andere hatten einen besten Freund und ich nicht — führen zu einer Traumatisierung, groß und klein. Auch „Ich habe weniger Nähe erfahren als mein Nachbar“ ist Traumatisierung, nur geringerer Intensität. Und jede Intensität hat eine entsprechende Auswirkung auf dein Leben.
Dein Leben wird dadurch nur noch reaktionär. Du bist nicht Gestalter deines Lebens — auch wenn du glaubst, dass du es bist, weil du den siebten Verkaufskurs gemacht hast und der Erfolgreichste bist, eine Million hast, ein Haus gebaut hast. Du reagierst auf deinen Schmerz. Du hast gelernt: Mit viel Geld werde ich geliebt, bekomme ich Anerkennung — egal ob du Handys verkaufst oder Schuhe putzt, Hauptsache du kommst an deine Million. Das ist deine gefundene Lösung, deine Reaktion — nicht deine freie Gestaltung.
Was wir anders machen
Unsere erste Säule ist es, dieses Ego als eine Form zu sehen, die bei jedem Menschen entstehen muss, weil jeder Mensch traumatisiert wird. Und dieses Ego wollen wir nicht — wie andere Religionen, Bruderschaften und spirituelle Vereinigungen aus nah und fern — dressieren und herunterdrücken, indem wir so tun, als wären wir ein Mönch oder ein Heiliger. Wir wollen die zugrunde liegenden Erlebnisse heilen.
Das führt dazu, dass ich zu mir selbst werde — ein Ich, das ich vorher gar nicht so wirklich kannte — und nicht mehr reaktionär lebe, sondern in der Bestimmung. Stufe eins: Ich werde durch meine Gefühle hin- und hergeschubst. Stufe zwei: Ich werde nicht mehr von meinen Emotionen gelenkt. Der eine wird von einem Traktor getrieben, entspannter, langsamer; der andere von einer D-Lok — beides ist Getriebensein, nur mit unterschiedlicher Geschwindigkeit.
Die Frucht: Bewusstsein wird nutzbar
Der wichtigste Bonus dieser ersten Säule: Ich erlange eine Ausschöpfungsfähigkeit meiner bereits vorhandenen Bewusstseinskapazität. Mein Bewusstsein wird durch mein Ego belagert — ich bin dadurch unfähig, bewusst zu sein, ein regelrechter Teufelskreis. Wenn das Ego geht, wird mein Bewusstsein nicht größer, aber das, was ich in dieses Leben mitgebracht habe, wird für mich nutzbarer, ausschöpfbarer.
Als Kind habe ich noch gar keinen Bewusstseinszugriff — der fängt erst mit etwa drei Jahren an, deutlicher zu werden. Bis dahin bin ich wahrscheinlich schon zwanzig-, dreißigmal traumatisiert worden, oder mehr. Wenn ich in ein Ich komme, nicht mehr von meinem Leben getrieben werde und Zugriff zu meinem tatsächlichen, bereits vorhandenen Bewusstsein erlange — das kann sich schon wie eine Erleuchtung anfühlen.
Diese Säule steht für sich, dauerhaft. Es ist ein Job, den wir tun bis zum Tod.
Ergänzung: Wachsen statt nur zurückgewinnen
Du kannst in dieser ersten Säule nicht nur deine bereits vorhandene Bewusstseinskapazität zurückgewinnen, sondern auch im Bewusstsein wachsen — wie eine Beförderung. Aber du sollst dabei nicht berechnend sein: Du tust es aus Glauben, weil du ihn liebst, weil du fühlst „Ich gehe, wohin auch immer mich das führt, aber in Richtung Vater.“ Dann gibt dir der Vater Beförderungen. Das passiert einfach — unabhängig davon, ob du es wahrnimmst, aber abhängig davon, dass du in den anderen beiden Säulen aktiv bist.
„Wir wollen die zugrunde liegenden Erlebnisse heilen — nicht das Ego dressieren und herunterdrücken.“